Plenarvorträge und Lesung

Michael Dobstadt: Fremdsprachenunterricht als Effekt des globalen Arbeitsmarkts und als Ort des poetischen Widerstands. Argumente für ein paradoxes Selbstverständnis zeitgemäßer Fremdsprachendidaktik. 

Mobilisierung, Motivierung, Effektivierung, Transformation: Diese Begriffe, die wie Stichworte aus dem Wörterbuch einer Unternehmensberatung klingen, passen perfekt auch zum modernen kompetenzorientierten Fremdsprachenunterricht. Und das ist kein Zufall, ist dieser Fremdsprachenunterricht doch auf die Bedürfnisse der sich globalisierenden Arbeitswelt hin ausgerichtet und abgestimmt; der diskursive Raum und Rahmen, in dem sich beide bewegen, ist die von Ökonomisierung und Effizienzorientierung gekennzeichnete Moderne mit ihrem transformatorischen Arbeitsethos und ihrer Orientierung auf eine alle und alles miteinander verbindende Kommunikation. Aber Diskurse sind niemals homogen, sondern immer konfliktiv und von Widersprüchen gekennzeichnet. Und wie in der Moderne seit der Romantik die Literatur, die Kunst und heute nicht zuletzt der Film immer wieder „poetischen Widerstand“ (Norbert Hummelt) gegen die Vorgaben der die Gesellschaft bestimmenden Ökonomie geleistet haben und weiterhin leisten, existiert auch in der Fremdsprachendidaktik ein vielgestaltiger Gegendiskurs, der seine Kraft und seine Inspiration aus dem Ästhetisch-Literarischen zieht. In meinem Vortrag möchte ich beide Gegendiskurse, den ästhetisch-literarisch-medialen und den fremdsprachendidaktischen, anhand von prägnanten Beispielen erstens skizzieren und zweitens zueinander in Beziehung setzen; immer mit der Frage vor Augen, welche Perspektiven diese Gegendiskurse eröffnen: für die Gestaltung der (post-)modernen Arbeitswelt einerseits, für eine Fremdsprachendidaktik andererseits, die auf diese Arbeitswelt vorbereiten muss und will.

Kathrin Röggla: Optimierer, Berater und Konsorten (Lesung)

Ob in der Unternehmensberatung, ob in der Arbeit in NGO’s, internationale Organisationen oder gar Kirche, die Formen der Arbeit werden von einer neoliberal-gouvernmentalen Logik und Technologie durchdrungen. Selbstoptimierung, Verwischung von Arbeit und Freizeit, vermeintlich flache Hierarchien mit Verlust eines Bildes von Verantwortlichkeit durchziehen mittlerweile breite gesellschaftliche Bereiche und Branchen. Die Auswirkungen der Globalisierung bewirken dazu ein Gefühl der Ortlosigkeit, es ist nicht mehr festzumachen, wo Verantwortliche sitzen könnten. Die Sprache ist Träger und Akteur dieser sich seit längerem etablierenden Rationalität. In meiner schriftstellerischen Arbeit nutze ich dokumentarische Verfahren, vor allem Gespräche mit Menschen aus bestimmten beruflichen Hintergründen, um deren Sprache kennenzulernen und als Material für meine Texte zu verwenden. Auch, um ihre Widersprüchlichkeiten, ihr aggressives Potential und Absurditäten zur Kenntlichkeit zu entstellen (wie einst Karl Kraus sagte). Mein Roman „Wir schlafen nicht“, aber auch zahlreiche Theaterstücke wie „Die Unvermeidlichen“, „NICHT HIER“, oder „da draußen tobt die dunkelziffer“ sind dafür exemplarisch.

Susanne Overdrevermann: Das geht ins Ohr! Chunk-Lernen als Training der Sprechfertigkeit und des flüssigen Sprechens im DaF-Unterricht

Flüssiges Sprechen entsteht dadurch, dass Lernende die in zusammenhängenden Einheiten gespeicherten Wörter mitsamt ihrer grammatischen Endung und Ableitung verwenden. Das heißt, dass im Unterricht diese Routineformeln, idiomatische Wendungen und festgeprägte Ausdrücke – so genannte Chunks – eingeübt werden müssen.

Durch automatisches und schnelles Reagieren in Mustern ohne bewusstes Auswählen zwischen Variablen haben diese Chunks dann im Unterricht eine hohe Wiederholungsrate. Sie gehen den Lernenden unmittelbar ins Ohr!

Der Vortrag startet mit einer Selbsterfahrung zum Chunklernen, es erwartet Sie Theoretisches und praktische Beispiele, wie Sie Chunks für den Spracherwerb Ihrer Lernenden noch effektiver nutzen und einüben können.

Carlos Fortea: Traducir literatura, traducir libros, traducir mundos

La ponencia pretende, de la mano de la propia experiencia del autor, hacer un recorrido por el mundo de la traducción de libros en alemán, como experiencia profesional, laboral y personal. Se hablará de las muchas variantes de la traducción de libros, del mercado profesional de la traducción editorial y de las opciones que para los traductores del alemán ofrece el actual mundo intercultural e interconectado. Nos preguntaremos qué significa hoy ser traductor literario, y específicamente ser traductor literario del alemán.

Werner Eichhorst: Erwerbsarbeit im Wandel – Beobachtungen aus Deutschland

Das deutsche Erwerbssystem war lange Zeit von langfristigen Arbeitsverhältnissen, einer ausgeprägten Sozialpartnerschaft, einem breit genutzten beruflichen Ausbildungssystem sowie einer starken Stellung der verarbeitenden Industrie geprägt. Allerdings unterliegt die Erwerbsarbeit nicht nur in Deutschland einer permanenten Veränderung angesichts gesellschaftlicher Veränderungen, technologischem und strukturellem Wandel, Arbeitsmarktreformen, ökonomischen Krisen und der Öffnung von Grenzen für Güter, Dienstleistungen und Menschen. In den letzten Jahren wurde auch sehr intensiv die Rolle eines sich beschleunigenden technologischer Innovationen debattiert, welcher zu ganz neuen, flexiblen Arbeitsformen, massiven Veränderungen in den Berufsbildern und wachsender Ungleichheit führen könnten. Mit diesem Vortrag sollen die damit verbundenen, bereits heute erkennbaren Umbrüche in Arbeitswelt und Arbeitsmarkt vor allem anhand des deutschen Beispiels illustriert werden, allerdings auch mit Hinweise auf länderspezifische Besonderheiten im Lichte des europäischen Vergleichs. Besondere Beachtung findet hierbei das Zusammenspiel von politischen Reformen, Veränderungen in den Tarifverträgen und neuen Formen der Arbeitsorganisation und Arbeitskultur in den Unternehmen. Damit soll geklärt werden, wie sich das Modell des Arbeitsmarktes in Deutschland in den letzten Jahren bereits verändert hat und welche Entwicklungen zu erwarten sind.

Christa Dürscheid: Themen aus der Variationslinguistik: Jugendsprache und Standardvarietäten. Theoretische Zugänge und praktische Umsetzungen

In der Variationslinguistik werden eine Reihe von Themen behandelt, die an der Schnittstelle von Standardsprache und Variation stehen und für den DaF-Unterricht interessant sein können. Dazu gehört u.a. die Frage, wie sich der Sprachgebrauch Jugendlicher im deutschsprachigen Raum darstellt. Im ersten Teil des Vortrags werden Einblicke in die aktuelle Jugendsprachforschung gegeben und charakteristische Merkmale jugendlichen Sprechens diskutiert. Auch auf das Schreiben Jugendlicher in der privaten Alltagskommunikation wird eingegangen. Dieses zeigt sich z.B. darin, dass englische Wörter (z.B. checken cool, easy) radikal eingedeutscht werden (z.B. tscheggen, kul, isi), obwohl die Jugendlichen natürlich wissen, wie man diese Wörter schreibt. Oder es werden Emojis wie das Daumenhoch-Zeichen eingefügt und Kürzel wie OMG (oh mein Gott) oder LOL (laughing out loud) verwendet. Die Daten hierzu stammen aus einem großen Schweizer Forschungsprojekt zur WhatsApp-Kommunikation (siehe unter http://www.whatsup-switzerland.ch). Der zweite Schwerpunkt des Vortrags liegt auf der Frage, wie die regionalen Unterschiede deutschsprachigen Raum auf empirischer Basis untersucht werden. Diese Frage stellt sich im Hinblick auf die Dialekte und die Standardvarietäten des Deutschen (z.B. Schweizer Standarddeutsch, österreichisches Standarddeutsch). Dabei geht es nicht nur um Unterschiede in der Aussprache, sondern auch um lexikalische und grammatische Variation (vgl. Dürscheid/Schneider 2019). Will man im DaF-Unterricht die standardsprachlichen Unterschiede thematisieren, dann bietet es sich an, mit dem Variantenwörterbuch (Ammon et al. 2016) oder mit der Variantengrammatik (siehe unter http://www.variantengrammatik.net) zu arbeiten. Dabei handelt es sich um Nachschlagewerke, die im Kontext von zwei großen D-A-CH-Projekten erarbeitet wurden und an eine breite Öffentlichkeit gerichtet sind.

Ziel des Vortrags ist, an den genannten zwei – exemplarisch ausgewählten – Themenfeldern aufzuzeigen, wie das Deutsche aktuell auf variationslinguistischer Ebene erforscht wird und welchen Nutzen die DaF-Didaktik daraus ziehen kann.